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274 Millionen Hektar retten: Was eine gesündere Ernährung für Klima und Landwirtschaft bedeutet

11. Aug.
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 16. Aug.

Eine der größten Modellstudien zum globalen Ernährungssystem, mit Beteiligung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), hat berechnet, was eine weltweite Umstellung auf gesündere, pflanzenbetonte Ernährung bis 2050 bewirken würde. Ergebnis: die größte Verringerung landwirtschaftlicher Fläche seit über 2.000 Jahren – bei deutlich weniger Emissionen und spürbar mehr Gesundheit. Was das für Bürger:innen, Unternehmen und Politik bedeutet.


Warum pflanzenbetonte Ernährung so wirkungsvoll ist: Rund ein Drittel aller menschengemachten Treibhausgase stammt aus unserem Ernährungssystem, ein großer Teil davon aus der Tierhaltung – vor allem durch das Methan von Wiederkäuern wie Rindern und den enormen Flächenbedarf für Weiden und Futtermittelanbau. Weil Rinder- und Milchproduktion besonders klimawirksame Emissionen verursachen, ordnen wir dieses Thema vor allem der Leitkennzahl CO₂-ppm zu, mit Berührungspunkten zum ökologischen Fußabdruck durch den hohen Flächenbedarf. Wer den Anteil pflanzlicher Lebensmittel erhöht und Fleisch – insbesondere Rind- und Milchprodukte – bewusster genießt, senkt seinen persönlichen Klima-Fußabdruck spürbar, ganz ohne strengen Verzicht.


WAS JETZT TUN?

Vom Wocheneinkauf bis zur Agrarpolitik


FÜR BÜRGER:INNEN

Das tägliche Essen als größter Hebel im Alltag

  • Den eigenen Fokus auf die wirksamste Stellschraube legen: Laut Studie sind vor allem Rind- und Milchprodukte für den Flächen- und Emissionsfußabdruck der Ernährung verantwortlich zwei bis drei bewusst fleischfreie Tage pro Woche wirken daher mehr als viele kleine Einzelmaßnahmen an anderer Stelle.

  • Hülsenfrüchte (Linsen, Kichererbsen, Bohnen), Vollkorn, Nüsse und Gemüse fest im Speiseplan verankern, statt sie als Beilage zu behandeln – genau das sieht die zugrunde liegende "Planetary Health Diet" als Basis vor. Hier ein paar Inspirationen für Rezepte

  • Lebensmittelverschwendung konsequent vermeiden, etwa durch Reste-Verwertung und realistische Einkaufsmengen: Eine Halbierung der Verschwendung ist laut Studie einer der drei wichtigsten Hebel der gesamten Transformation.

  • Für einen wissenschaftlich fundierten, unabhängigen Überblick über eine planetenverträgliche Ernährungsweise: EAT-Lancet Commission, eatforum.org.


LEBENSMITTELHANDEL, KANTINEN & GASTRONOMIE

Pflanzliche Optionen zum Standard machen

  • Das eigene Sortiment gezielt um Gemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse und Vollkornprodukte erweitern und diese sichtbar und attraktiv platzieren, statt sie als Nische zu behandeln – laut Studie müsste sich der Wert pflanzlicher Produktion bis 2050 um rund ein Viertel erhöhen.

  • Rezepturen schrittweise anpassen, etwa durch höhere Hülsenfrüchte-Anteile in Fertigprodukten oder pflanzliche Alternativen als gleichwertige Standardoption auf Speisekarten, statt als Sonderwunsch.

  • Lieferketten so gestalten, dass überschüssige Ware nicht im Müll landet, sondern über Kooperationen mit sozialen Einrichtungen oder Foodsharing-Initiativen weiterverwendet wird.

  • Sich frühzeitig auf eine wachsende Nachfrage nach pflanzlichen Proteinen einstellen, statt erst zu reagieren, wenn sich Beschaffung und Preise bereits verschoben haben.


FÜR POLITIK

Agrarförderung umschichten statt nur draufsatteln

  • Agrarförderungen schrittweise von reiner Tierhaltungsförderung hin zu pflanzlicher Landwirtschaft und Diversifizierung umschichten, statt neue Programme nur zusätzlich aufzusetzen.

  • Verbindliche Standards für pflanzenbetonte, gesunde Verpflegung in Schulen, Kantinen und öffentlichen Einrichtungen einführen – ein Hebel, der laut Studie messbar zur Nachfrageverschiebung beiträgt.

  • Gezielte Umstiegsprogramme und Beratung für Betriebe der Tierhaltung bereitstellen: Die Studie warnt ausdrücklich, dass ein Wandel dieser Größenordnung ohne aktive Begleitung erhebliche soziale Verwerfungen für Landwirt:innen mit sich bringen kann.

  • Investitionen in Produktivitätssteigerung und Ernteverluste-Reduktion vorantreiben, da diese laut Studie neben der Ernährungsumstellung selbst der zweite entscheidende Hebel sind.


HOCHRECHNUNG

Wenn 1.000 Menschen umsteigen, sparen wir 1.234 Tonnen CO₂ im Jahr (entspricht

Leitkennzahl: CO₂-ppm. Nehmen wir die im Artikel empfohlene Bürger:innen-Maßnahme – weniger Fleisch, mehr pflanzliche Lebensmittel – und rechnen sie hoch: Eine oft zitierte Studie zu ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen (Scarborough et al. 2014, ausgewertet von Our World in Data) beziffert die Emissionen eines "High-Meat-Eaters" (mind. 100 g Fleisch/Tag) mit 7,19 kg CO₂-Äquivalent pro Tag, die einer vegetarischen Ernährung mit 3,81 kg CO₂-Äquivalent pro Tag.


Die Differenz von 3,38 kg CO₂e pro Tag ergibt hochgerechnet auf ein Jahr (× 365 Tage) rund 1.234 kg CO₂e pro Person. Würden 1.000 Menschen dauerhaft von einer fleischreichen zu einer vegetarischen, pflanzenbetonten Ernährung wechseln, ließen sich so rund 1.234 Tonnen CO₂-Äquivalent pro Jahr einsparen – allein durch die Wahl auf dem Teller, ohne jede weitere Verhaltensänderung. Nach der Umrechnung des Global Carbon Project (1 ppm CO₂ ≈ 7,814 Gt CO₂) entspricht das rechnerisch etwa 0,00000016 ppm der atmosphärischen CO₂-Konzentration.

Hinweis zur Berechnung: Die zugrunde liegenden 7,19 bzw. 3,81 kg beziehen sich auf CO₂-Äquivalente (inklusive Methan und Lachgas aus der Tierhaltung), nicht auf reines CO₂. Die Umrechnung in ppm dient ausschließlich als anschauliche Einordnung der Größenordnung, nicht als exakte atmosphärenphysikalische Messgröße. Individuelle Werte schwanken je nach Land, Produktionsweise und persönlichem Ausgangs-Ernährungsmuster; die grundsätzliche Größenordnung der Einsparung bleibt aber bestehen.


DIE STUDIE

Studie über die globale Ernährungswende (40+ Forschende, Cornell, PIK, IFPRI)

Ein internationales Team von mehr als 40 Forschenden rund um Erstautor Dr. Matthew Gibson (zu Beginn der Arbeit an der Cornell University, heute an der London School of Hygiene & Tropical Medicine) und Seniorautor Prof. Mario Herrero (Cornell Atkinson Center for Sustainability) hat untersucht, was passieren würde, wenn die Welt bis 2050 konsequent auf die "Planetary Health Diet" der EAT-Lancet Commission umsteigt.


Die Studie untersucht, wie sich die Weltlandwirtschaft bis 2050 verändern würde, wenn drei Dinge gleichzeitig gelingen:


  1. weltweit gesündere Ernährung nach der EAT-Lancet-Referenzernährung,

  2. höhere landwirtschaftliche Produktivität und

  3. eine Halbierung von Lebensmittelverlusten und -verschwendung.


Dafür verglich das Team ein Weiter-wie-bisher-Szenario mit diesem Transformationsszenario – anhand von zehn globalen Wirtschafts- und Agrarmodellen.

Die wichtigsten Ergebnisse:


  • Die weltweit genutzte Agrarfläche könnte gegenüber 2020 im Mittel um 6 % sinken – etwa 274 Millionen Hektar. Das wäre die größte absolute Flächenverringerung seit mehr als 2.000 Jahren.

  • Gegenüber einem unveränderten Entwicklungspfad wären die direkten Nicht-CO₂-Treibhausgasemissionen der Landwirtschaft 2050 um rund 34 % geringer; landwirtschaftsbezogene Netto-CO₂-Emissionen aus Landnutzungsänderungen könnten deutlich zurückgehen.

  • Die Produktion und der wirtschaftliche Wert von Fleisch, Milch und anderen tierischen Produkten würden stark sinken. Besonders deutlich wäre der Rückgang bei Wiederkäuerfleisch.

  • Gemüse, Obst, Nüsse und Hülsenfrüchte würden an Bedeutung gewinnen: Ihr Produktionswert läge im Mittel um 23 % über dem Weiter-wie-bisher-Szenario.

  • Die Umstellung hätte regionale und soziale Folgen. Deshalb betonen die Autor:innen, dass Ernährungspolitik den Wandel aktiv, sozial gerecht und mit Blick auf betroffene landwirtschaftliche Betriebe gestalten muss.


Wer leitete die Studie?Die Studie wurde von Matthew Gibson konzipiert und entworfen; er ist Erstautor. Die übergeordnete wissenschaftliche Leitung und das Studienmanagement lagen bei Daniel Mason-D’Croz und Mario Herrero. Herrero sicherte zudem die Finanzierung. Das Kernteam war an der Cornell University angesiedelt; beteiligt waren unter anderem PIK, IFPRI, IIASA und weitere Forschungseinrichtungen.


Quelle: Gibson, M., Sundiang, M., Mason-D'Croz, D. et al.: "Food systems transformation would reshape global agriculture", Nature, veröffentlicht am 15. Juli 2026. DOI: 10.1038/s41586-026-10775-2. Studie geleitet von der Cornell University, mit Beiträgen des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und des International Food Policy Research Institute (IFPRI) im Rahmen des Agricultural Model Intercomparison and Improvement Project (AgMIP).

Quelle Hochrechnung: Scarborough, P. et al. (2014): "Dietary greenhouse gas emissions of meat-eaters, fish-eaters, vegetarians and vegans in the UK", Climatic Change; ausgewertet bei Our World in Data. Umrechnungsfaktor ppm–CO₂: Global Carbon Project / Global Carbon Budget.

Tags:

  • Ernährung

  • Klima

  • Landwirtschaft

Kategorien: Wissenschaft, Klima

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